24. Juni 2019

Besinnung und Kampf: Nietzsche in Lev Šestovs Philosophie des performativen Widerspruchs

Am 19. Juni 1930 hielt Lev Šestov in Berlin im Rahmen einer Veranstaltung der Nietzsche-Gesellschaft einen Vortrag mit dem Titel „Die Aufgaben der Philosophie: Besinnung und Kampf“. In dieser Rede führt er uns in Aphorismen, die wir so oder ähnlich aus seinen größeren Werken kennen, vor, was Philosophie seiner Meinung nach leisten soll. Šestovs Forderungen erscheinen dabei überraschend modern: Mit Nietzsche als wichtigstem Fürsprecher im Hintergrund verteidigt er den Menschen – als Individuum mit einer jeweils besonderen Weltsicht sowie mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen – vor den gesichtslosen, vermeintlich unumkehrbaren, vermeintlich notwendigen Mechanismen moderner Wissens- und Wissenschaftsproduktion. Er schlägt damit einen Bogen von Schillers „doppeltem Ernst der Pflicht und des Schicksals“, über Kierkegaards Wiederholung und Dostoevskijs Kellerlochmenschen, hin zu einer stark von Nietzsche geprägten Philosophie des performativen Widerspruchs und eröffnet damit auch für dem heutigen Menschen, der sich als Opfer der Logarithmen wähnt und diese missliche Lage auch noch gut finden soll, Perspektiven eines schon immer möglichen, zu gewissen Zeiten aber besonders dringlich benötigten, radikalen Humanismus.
Vortrag von Sonja Koroliov, Innsbruck

 

 

Veranstalter: Nietzsche-Forum München e.V.

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